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Ein deutsches Thanksgiving

EIn deutsches Thanksgiving - Blogparade zum Tag der deutschen Einheit - Wiedervereinigung - Was Schokolade mit Dankbarkeit und Wertschätzung zu tun hat #deutschesthanksgiving

Was feiern wir hier überhaupt?

 

Wir feiern am 3.Oktober 2018 erneut den "Tag der deutschen Einheit", und ich stelle für mich fest,  dass wir Deutschen als Nation noch immer nicht wieder ganz zusammengewachsen sind. Was in meinen Augen aber auch nicht verwunderlich ist:  Nachdem Deutschland  über 40 Jahre lang geteilt war (die DDR wurde erst 1949 gegründet), ist das Land nun nach 28 Jahren der Wiedervereinigung, einfach noch nicht am Ende des natürlichen Prozesses angekommen.  Solche Prozesse benötigen ihre Zeit... Das kennen wir aus anderen Bereichen des Lebens, z.B.  nach einer Schwangerschaft, einer Trennung oder in Trauerprozessen.

 

 

Warum ich bei dieser Blogparade dabei bin

 

Ich arbeite ja eigentlich als ganzheitliche Lebensberaterin in Berlin (wo in diesem Jahr auch wieder das "Deutschlandfest" am Brandenburger Tor stattfinden wird -  unter dem  Motto "Nur mit euch" ). Ich bin keine klassische Bloggerin, trotzdem hat mich Heidi vom Blog  "Einfach mal machen"  angeschrieben und eingeladen dabei zu sein. Zum Thema  Dankbarkeit habe ich bereits einen Text und ein kleines Ebook zum Download auf dieser Seite verfasst.

 

Was mich veranlasst hat mitzumachen, ist meine eigene Geschichte... Ich bin selber in der DDR geboren, meine Familie ist jedoch bereits 1985, noch in meiner Kindergartenzeit, nach Westdeutschland ausgereist. Wir sind zwar mit einem offiziellen Ausreiseantrag in das damalige Jugoslawien ausgestattet gewesen, sind jedoch unangemeldet, über Österreich in Richtung BRD gefahren, und schliesslich in Giessen, als sogenannte "DDR-Flüchtlinge" aufgenommen worden. Mit nichts als ein paar Koffern endlich auf der anderen Seite angekommen, in der vielversprechenden neuen "Freiheit":  Eine junge Familie mit Kleinkind und Baby (meine Schwester war damals erst ein paar Monate alt), sowie ein paar Westmark als Willkommensgeld in den sonst leeren Taschen.  In den ersten Jahren gab es nur wenig Kontakt zur Herkunftsfamilie in der DDR, ich erinnere mich vage an seltene Treffen in der damaligen Tschecheslowakei. Dazu schreibe ich weiter unten noch etwas mehr.

 

Zwischen den Stühlen und Werten

 

Aufgewachsen bin ich also in der  "kapitalistischen BRD", mein inneres Wertegefüge war jedoch sehr stark sozialistisch geprägt. Wir sind nach unserer Ankunft  in Giessen damals  auch noch ausgerechnet im tiefsten  Bayern gelandet, später lebte ich bis zum Abitur  in der "Weltstadt mit Herz",  München. Wir lebten all die Jahre in einer Sozialwohnung, meine Mitschüler auf dem Gymnasium waren zum Großteil Kinder von Anwälten, Wissenschaftlern oder Diplomaten, wohnhaft in riesigen Altbauwohnungen mit diesen überwältigend schönen, gefüllten Bücherregalen. Für mich persönlich war das erstmal kein Grund um nachdenklich zu werden, jedoch gab es im Hintergrund Stimmen aus der Familie in der DDR, die uns teilweise um etwas  beneideten, was wir gar nicht hatten. Mein alltägliches Leben war eher geprägt von Sparsamkeit und Aufopferung, und letzlich auch Mangelbewusstsein. Individualismus, "unnötige" Bildung  und  "großes Träumen" wurden  mehr unterdrückt, als gefördert. Ein ordentliches Bücherregal gab es nicht, und ich war froh wenigstens einen Bibliotheksausweis zu besitzen. Ich kannte keine Ronja Räubertochter, keine Unendliche Geschichte und keine Pippi Langstrumpf.  Was ich aber, wie alle Kinder kannte,  waren Schokolade und das Sandmännchen! Trotzdem war ich irgendwie kein richtiger "Wessi" und auch kein richtiger "Ossi". Lange Zeit  wusste ich  nicht, was die "richtigen" Werte für mich sind. Als ich nach dem Abitur anfing Medizin zu studieren, wurde dieser gefühlte Abstand zu meiner Familie nur noch größer.  Jetzt war ich also endgültig  einer von diesen "Wessis", die glaubten sie seien "was Besseres". Und wieder gehörte ich andererseits zu denen, die sich während des Studiums mit Bafög und Nebenjobs über Wasser hielten, keine Aussicht auf Übernahme der väterlichen Hausarztpraxis nach dem Examen. (da bin ich heute aber immer noch sehr froh drüber ;-)  Nun aber zurück zu meinen Ideen für diese Blogparade...

 

Was Schokolade mit Dankbarkeit und Wertschätzung zu tun hat


Was Schokolade mit Dankbarkeit und Wertschätzung zu tun hat - Blogparade zum Tag der deutschen Einheit #lieberglücklich #deutschesthanksgiving

 

Beim Brainstorming für diesen Artikel ist mir als erstes wieder "Schokolade" eingefallen!  Es geht in dieser Blogparade  vor allem darum, neue Rituale der Dankbarkeit zu entdecken, mit denen wir als Familie oder Gesellschaft wieder ein Gefühl der Zufriedenheit und Verbindung schaffen können. Dazu erzähle ich euch von meinem sehr persönlichen inneren Gefühl der Zerrissenheit, das meine Kindheit und Jugend maßgeblich geprägt hat, und zwar am Beispiel von Schokolade:  Ihr kennt alle die liebevoll gestalteten Grußkärtchen und selbstgebastelten Geschenke zu den Feiertagen aus eurer Kindergartenzeit!? Als ich meiner Mutter eines Tages ein hübsches Schokoladenei, verpackt in einer selbstgebastelten Henne zu Ostern schenkte, nahm sie es ganz selbstverständlich an und war vermutlich auch dankbar, und da stand es dann:  jahrelang, unangetastet, unausgepackt und wartete vergeblich darauf gegessen zu werden. Oder besser: Ich wartete darauf, dass mein Geschenk endlich "wirklich" angenommen wird. Als Kind konnte ich einfach nicht verstehen, warum meine Mutter die Schokolade nicht augenblicklich ausgepackt hat, um sie zu essen. Ich habe das damals als fehlende "Wertschätzung" empfunden. Später habe ich dieses Verhaltensmuster auch in mein Leben übernommen -  und erst im Erwachsenenalter, beim Besuch einer lieben Freundin in Estland habe ich realisiert, dass man es auch ganz anders machen kann!

Dort habe ich nämlich, bei den zahlreichen Kennenlern-Besuchen bei ihren  Freunden und Familie miterlebt, dass man eigentlich immer eine Kleinigkeit mitbringt, also eine Tafel Schokolade, Kuchen oder Kekse: Das Gastgeschenk wird entgegengenommen und dann direkt ausgepackt, auf den Tisch gelegt und von allen gemeinsam verzehrt! WOW... Das hat mein inneres Kind echt glücklich gemacht, ich habe mich mit meinem Geschenk wertgeschätzt gefühlt, es entstand dadurch viel leichter ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich habe versucht, diese neue Art des Schenkens und Teilens  auch in mein Leben zu integrieren... Ich schenke seitdem auch viel öfter mal etwas, was ich selber gerne esse, es fällt mir  viel leichter, intuitiv etwas auzusuchen, wenn ich nicht ewig überlegen muss, worüber mein Gastgeber sich freuen könnte, und ohne den Gedanken, dass das Mitbringsel sowieso gleich in der Schublade, neben den ganzen anderen verstaubten Pralinenschachteln, verschwindet.Ich lege euch diese Herangehensweise sehr ans Herz, wenn ihr das nicht schon längst  so in eurem Bekanntenkreis macht.

Im Zuge des "Minimalismus" als Lebensstil  oder Lebensgefühl hat sich in den letzten Jahren ja schon bei vielen Menschen das Bewusstsein für "materielle Dinge" verändert. Ich begrüße diese Entwicklung persönlich sehr: weg vom belastenden Überfluss - hin zu weniger, aber dafür auch "genutzen" und "freudebringenden" Dingen. Dazu empfehle ich auch immer wieder das bekannte Buch von Marie Kondo* .

Wir haben heute glücklicherweise Gelegenheit, uns als moderne, weltoffene Gesellschaft in Richtung einer gesunden Mitte zu bewegen und alte Wunden zu heilen. Und das nicht zuletzt, durch die Öffnung unserer inneren und äußeren Grenzen! Auch weiss ich heute, dass die oben erwähnten Verhaltensmuster häufig über Generationen vererbte und weitergegebene Muster sind, z.B. infolge von  Kriegstraumata. Es gab Zeiten im Leben unserer Vorfahren, da war es sinnvoll Essen zu horten oder  Dinge aufzuheben, die irgendwann mal nützlich sein könnten. Heute macht das oftmals keinen Sinn mehr. Das sind Muster die wir aufdecken und auflösen können. Ebenso wie die Angst vor dem Neuen und Fremden. Diese Angst macht immer nur bis zu einem bestimmten Punkt Sinn - um sich als Mensch oder Nation weiterzuentwickeln mag es zuweilen sinnvoller sein sich dem Neuen auch wieder zu öffnen. 

 

Die Wiedervereinigungsfeier der Deutschen wird hier in Berlin freudigerweise auch durch die Öffnung der Moscheen begleitet.  Ein Auszug dazu aus Wikipedia:

" Moscheevereine laden seit 1997 am Tag der Deutschen Einheit zum Tag der offenen Moschee  ein, um das Selbstverständnis der beteiligten Muslime als Teil der deutschen Gesellschaft auszudrücken.[24]"

 

10 Tafeln Westschokolade im Koffer

 

Wie oben angekündigt, noch eine kleine Anekdote zum Schluss: Ich habe meine Oma für diesen Blogartikel um Erlaubnis gebeten, beispielhaft über unseren familiären Hintergrund in der DDR zu schreiben. Vor ein paar Jahren, nach der Wende, zeigte sie mir einen der geretteten Stasiberichte, der nach einem "heimlichen" Treffen unserer Familie in Prag verfasst wurde. Damals fuhren meine Großeltern mit dem Zug von Prag aus zurück in die DDR -  mit dabei im Koffer hatten sie kostbare Westgeschenke:  "5 Konserven, 7 mal Kosmetika und 10 Tafeln Schokolade".  Gut, dass meine Großeltern sich so "manierlich" verhielten bei der Befragung durch die Zollbeamten, sonst hätten sie die Schokolade vielleicht nicht behalten dürfen. ;-)  Meine Oma kann sich leider nicht mehr erinnern, ob sie die Schokolade bald aufgegessen haben, oder ob ein Teil vielleicht, vor lauter "Wertschätzung und Dankbarkeit" in der Schublade verstaubt ist. Heute bittet sie ihre Besucher des öfteren, keine Pralinenschachteln mitzubringen - die Schubladen sind übervoll!  Unser gelerntes Mangelbewusstsein macht keinen Sinn mehr. Wir dürfen es ersetzen durch ein gesundes Gefühl der Wertschätzung.

Wir zwei haben vereinbart, in Zukunft die mitgebrachte Schokolade sofort und gemeinsam zu verzehren - als neues Ritual der Dankbarkeit.

 

 


was könnte Nach einem vereinten Deutschland noch kommen?


Danke für die Einladung zur Blogparade an Heidi - Einfach mal einfach #deutschesthanksgiving
Danke für die Einladung zur Blogparade an Heidi - Einfach mal einfach #deutschesthanksgiving

 

Mein Traumziel einer "glücklich vereinten Menschheit"  ist vielleicht noch weit weg, und recht idealistisch gedacht, aber im Grunde gehen wir diesen Weg schon längst auf vielen praktischen Wegen. Ich bin heute überaus dankbar dafür, im Westen aufgewachsen zu sein, ich habe dadurch Einblicke in zwei sehr verschiedene Welten gehabt, bin später ausreichend in der Welt herumgereist, um erleichtert festzustellen, dass wir uns doch alle das Gleiche wünschen: Glücklich sein und gemeinsam etwas zu erschaffen für uns und unsere Nachfolgegenerationen.

Mein beruflicher Beitrag dazu liegt heute in der therapeutischen und  systemischen Integrationsarbeit (SIA). Ich unterstütze Menschen dabei, sich aus alten Glaubens- und Denkmustern zu befreien, emotionale Blockaden oder Traumata aufzulösen. Das erfordert Mut und die Bereitschaft Altes loszulassen, ist eber bestimmt lohnenswert. Das Ziel ist immer eine stärkere Bindung zu sich selbst und zu anderen.

 

Zum anderen habe ich erst kürzlich ein Netzwerk für freie , ganzheitlich orientierte Berater, Coaches und Therapeuten gegründet.  Ich möchte darin das ganzheitliche Denken und Kooperationen unter Kollegen fördern. Fühlt euch eingeladen vorbeizuschauen auf www.lieberfrei.de                                                                                                                  

                                                                                                                                                                    © Text by Katja Otto 2018        

 


Meine  Buchtipps zur Wiedervereinigung


Bücher zum Thema Dankbarkeit, Die eindrücklichen Texte des spirituellen Meisters David Steindl-Rast zeigen, wie wichtig Dankbarkeit für das Leben ist. #Dankbarkeit #Bücher #Spiritualität
Einladung zur Dankbarkeit

Einladung zur Dankbarkeit - David Steindl-Rast

 

Dieses Buch ist ein kurzes Brevier und doch ein wichtiger Wegweiser zu einem guten Leben. Die eindrücklichen Texte des spirituellen Meisters David Steindl-Rast zeigen, wie wichtig Dankbarkeit für das Leben ist. Denn wer dankbar ist, blüht auf. Sein Leben wird einfacher und schöner, wertvoll und kreativ. Wer in der Haltung der Dankbarkeit auf das schaut, was ihm in den anderen Menschen begegnet, für den wird alles zu einem Geschenk und zu einer Quelle der Freude und des Friedens. Es gibt jeden Tag genügend Gelegenheit zu danken. Das zu sehen und wahrzunehmen ist der Kern aller Spiritualität und der einfachste Schlüssel zu dauerhaftem Glück. Eindrückliche Texte eines spirituellen Meisters. Herausgegeben von Ulla Bohn.

 

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Bücher zur Wiedervereinigung: Die Kraft der Kriegsenkel von Ingrid Meyer-Legrand, die Autorin beschreibt wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen #Bücher #Kriegsenkel #Erbe #systemisch #Familie #Ahnen
Die Kraft der Kriegsenkel

Kraft zu Aufbruch und Veränderung

 

Die Ressourcen der Kriegsenkel. Aufgewachsen mit traumatisierten Eltern, die als Kinder Krieg und Flucht erlebt haben, ist die Generation der Kriegsenkel in den letzten Jahren verstärkt in den Blick geraten. Doch ist das ganz besondere Erbe, das sie tragen, nur belastend? Durch ihre Familiengeschichte und besondere Sozialisation haben viele von ihnen eine mentale Ausstattung entwickelt, die es ermöglicht, mit heutigen Herausforderungen besser umzugehen. Die systemische Therapeutin Ingrid Meyer-Legrand richtet den Fokus auf die Ressourcen der Kriegsenkel. Viele von ihnen wagen es nicht, beruflich oder privat wirklich anzukommen. Doch dieses 'Immer-wieder-neu-Anfangen', diese Ruhe- und Rastlosigkeit lässt sich auch als Kompetenz betrachten, eine besondere Fähigkeit, flexibel mit Veränderungen umzugehen. Mit der von der Autorin speziell entwickelten Biografiearbeit wird es möglich, den roten Faden im eigenen Leben zu erkennen. Die innere Erfahrung, immer noch auf der Flucht zu sein, die bei vielen Kriegsenkeln vorherrscht, kann sich auflösen. Das bisherige Leben erscheint als weniger fragmentiert, sinnvoller und kohärent – und nicht selten stellt sich eine Hochachtung vor  dereigenen Lebensleistung ein. So lassen sich die einzigartigen Kompetenzen der Generationen im Umgang mit den Herausforderungen ihrer individuellen Biografie und der Zeitgeschichte wertschätzen und als Chance nutzen.    Buch bei Amazon ansehen und kaufen*

                                                                       

 


Kommentare: 1
  • #1

    Doreen (Dienstag, 06 November 2018 08:16)

    Liebe Katja, ein sehr berührender und nachklingender Beitrag. Vielen Dank für's Teilhaben lassen. Ich war dem 3.10. bisher immer skeptisch gegenüber gestellt, aber in diesem Jahr habe ich das erste Mal Versöhnung gespürt. Davon habe ich am 3.10. gebloggt. Als Kind hatte ich auch einmal West Schokolade geschenkt bekommen. Das Papier war so schön. Ich habe sie aufgehoben, gehütet. Irgendwann später wollte ich sie essen, doch sie war bereits verschimmelt. Mit Parfüm war es später ähnlich bis der Duft unbenutzt verflogen war. Seitdem hebe ich nichts mehr für später auf � Liebe Grüße, Doreen